
Trompeten Siggi
2026 vor 20 Jahren
Sommermärchen in Bad Bertrich
Bad Bertrich der 27. Kanton der Schweiz – Erinnerungen an das Sommermärchen in Bad Bertrich
Immer wieder grosse Freude bereitete es dem Autor bei Besuchen in der Schweiz, wenn es in Fachgesprächen um die Zahl der Schweizer Kantone ging, er die Schweizer aufklären musste, dass es nicht 26, sondern 27 seien, wobei er ihnen auch immer gern den 27. Kanton, eben Bad Bertrich, vorstellte.
In Memoriam an Franz Beckenbauer, den Gesamtmacher des Sommermärchens und an Walter Häcker und Günter Eichberg, die Macher vor Ort, will der Autor auf Anregung der Rhein-Zeitung noch mal an die Beteiligung Bad Bertrichs an der Fussball-WM 2006, an „das Sommermärchen in Bad Bertrich“ erinnern.
1996 hatte die Gesundheitsreform mit dem Aus des Kurwesens alle deutschen Kurorte schwer ge-troffen, so auch Bad Bertrich. 10 Jahre später, Franz Beckenbauer hatte es geschafft, die Fussball-WM nach Deutschland zu holen, suchten 32 Mannschaften ihr Quartier zur WM.
Bad Bertrich der 27. Kanton der Schweiz – Erinnerungen an das Sommermärchen in Bad Bertrich
Immer wieder grosse Freude bereitete es dem Autor bei Besuchen in der Schweiz, wenn es in Fachgesprächen um die Zahl der Schweizer Kantone ging, er die Schweizer aufklären musste, dass es nicht 26, sondern 27 seien, wobei er ihnen auch immer gern den 27. Kanton, eben Bad Bertrich, vorstellte.
In Memoriam an Franz Beckenbauer, den Gesamtmacher des Sommermärchens und an Walter Häcker und Günter Eichberg, die Macher vor Ort, will der Autor auf Anregung der Rhein-Zeitung noch mal an die Beteiligung Bad Bertrichs an der Fussball-WM 2006, an „das Sommermärchen in Bad Bertrich“ erinnern.
1996 hatte die Gesundheitsreform mit dem Aus des Kurwesens alle deutschen Kurorte schwer getroffen, so auch Bad Bertrich. 10 Jahre später, Franz Beckenbauer hatte es geschafft, die Fussball-WM nach Deutschland zu holen, suchten 32 Mannschaften ihr Quartier zur WM.
Walter Häcker, leider in 2014 viel zu früh verstorbener Hotelier des 5-Sterne-Hotels „Fürstenhof“ in Bad Bertrich, war ein guter Bekannter des fussballaffinen Ministerpräsidenten Kurt Beck, dessen besonderes Anliegen es war, dass Rheinland-Pfalz auch einer Mannschaft zur WM 2006 Quartier bieten könne. Häckers grosse Leidenschaft war der Pferdesport. So gründete er auch den Rennstall Bad Bertrich, aus dem Ende der 90er, Anfang der 2000er u.a. so erfolgreiche Galopper wie „Bad Bertrich“, „Bad Bertrich again“ und „Alles Bad Bertrich“ hervorgingen - natürlich auch ein gutes Marketing für Bad Bertrich. Dem wollte er auf Anregung von Kurt Beck mit dem Volkssport Fussball Mitte der 2000er marketingmässig noch eins draufsetzen. Als dann noch der fussballverrückte und ehemalige Schalke-Präsident und damaliger Ortsbürgermeister Günter Eichberg, leider in 2018 auch viel zu früh verstorben, mit im Team war, lief die Sache Weltmeisterschaft in Bad Bertrich - die Fussball-WM war das nächste grosse Marketing-Thema für Bad Bertrich.
Portugal und die Schweiz bewarben sich um Bad Bertrich, die Schweiz machte das Rennen und Bad Bertrich zum 27. Kanton der Schweiz. So nahm das winzige Bad Bertrich als einziges rheinland-pfäl-zisches Quartier an der grossen Fussball-Weltmeisterschaft 2006 teil.
Rückblickend ist es sensationell, wenn man erinnert, wie schnell die Herrichtung Bad Bertrichs für die Gastgeberrolle funktionierte, wie der starke Wille jede Bürokratie überwand. In dreieinhalb Monaten wurde das Uessbachtalstadion ausgebaut und mit Wembleyrasen versehen, das kleine Clubhaus des benachbarten Tennisvereins wurde, aufgestockt und ausgebaut, zum WM-Heim. Der Ort wurde kur-zerhand rausgeputzt, die total marode Bäderstrasse wurde renoviert, mit dem „alten Postplatz“ ent-stand ein neuer zentraler Ortsplatz, mit Bühne und Public Viewing der Feier-Hotspot des Ortes und mit dem Alleegarten und dem Bertricus Platz entstanden zwei weitere schicke Plätze, auf denen man sich heute noch zum Sonnenbad und zur Kommunikation trifft.
Eine Abordnung vom Kreis unter Edi Reiz und von der Verbandsgemeinde unter Maria Arvanitis über-nahm mit vielen kleinen und grösseren Ideen das Marketing. So kreierten sie schon im Vorfeld mit Cocktailweltmeister Harry, der damals im Schlösschen eine renommierte Cocktailbar betrieb, unter Mithilfe des Schweizer Fachmanns, Trainer Kobi Kühn, den „alkoholfreien“ Schweizer WM-Cocktail.
Sie sorgten dafür, dass sich die Schweizer Nati im 27. Kanton der Schweiz wohlfühlen konnte.
Das 5-Sterne-Hotel „Fürstenhof“ war für sie reserviert, der Kurgarten abgeschottet, so dass man der Mannschaft nur beim sehr begrenzten öffentlichen Training etwas näher kommen konnte. In der leerstehenden Kurklinik Römerkessel waren Polizei und Security eingezogen – Sicherheit wurde ganz gross geschrieben. Wenn Fans die Spieler ausserhalb des öffentlichen Trainings sehen wollten, konnte man auch dem Autor auf einer Ortsrunde durch den Palmberg folgen, zwei schöne Aussichtpunkte gaben den Blick frei auf die im Kurgarten Tischtennis-spielenden Fussballer. Oder man folgte Eingeweihten in den Uessbachpark des Kurhotels „Quellenhof“, wo sich ein Grossteil der Spieler gern zur Entspannung aufhielt. Hin und wieder erwischte man auch Trainer Köbi Kuhn und einen der 18 Spieler, davon allein 7 in der Bundesliga aktiv, man erinnert noch Namen wie Ludovic Magin (VfB Stuttgart), Ricardo Cabanas und Marc Streller (1. FC Köln), Christoph Spycher (Eintracht Frankfurt), Phillip Degen (BVB), Raphael Wicky (HSV), Tranquillo Barnetta (Bayer Leverkusen), beim Ortsbummel. Grüezi war der neue Gruss in Bad Bertrich, mit Hopp Hopp Schwiiz wurde angefeuert, die Schweizer erwarteten das Wunder von Bad Bertrich. Und tatsächlich schafften es die Schweizer, alles andere als Favoriten, die Vorrunde ohne ein einziges Gegentor vor Frankreich zu gewinnen. Auch im Achtelfinale gegen die Ukraine blieb es bis zum Spielende beim 0:0, auch in der Verlänge-rung. Tragischerweise war die Nati beim dann folgenden Elfmeterschiessen plötzlich nervös, 3 Elfmeter wurden verschossen, damit war unsere Schweiz raus – bis zum Elfmeterschiessen ohne Gegentor! Aber trotzdem, die Schweizer haben sich in Bad Bertrich sehr wohl, fast heimisch gefühlt.
Besonders freuen durften sich die Bertricher über einen öffentlichen Dankesbrief des Schweizer Botschafters Christian Blickenstorfer an Bad Bertrich und die Bertricher, in dem er sie als tolle Gastgeber lobt, bei denen sich die Schweizer und ihre Nati sehr wohlgefühlt haben.
Und Bad Bertrich wurde von der Fifa als das „gastgeberfreundlichste und bestorganisierteste aller 32 deutschen WM-Quartiere" ausgezeichnet!
Besonders schön waren im Übrigen die Nachmittage beim Public Viewing auf dem alten Postplatz und die Abende bei toller Musik auf der Bühne dort. Unvergessen die Auftritte der damals noch jungen Band „Sahne Mixx“ und ihrer einzigartigen Udo Jürgens Tribute Show. Besonders mitreißend auch die schrägen Rhythmen der starken Blechbläser der Basler Guggenmusik - der Ort bebte!
Und Trompeten-Sigi, quasi das Maskottchen der Schweizer setzte noch einen drauf: In Ermangelung eines Alphorns, lies er sich von der Feuerwehr einen C-Schlauch geben, montierte auf der einen Seite sein Trompetenmundstück, auf der anderen den Trichter eines alten Grammophons und simulierte so sein in Fan-Kreisen geliebtes „Hopp-Hopp-Schwiiz-Alphornsolo“!
Was bleibt neben dem interessanten Ortseingang? Sicherlich auch das gute Renommé Bad Bertrichs in der Schweiz, die Power des Sommermärchens wirkt nach! In Bad Bertrich die Ortsrenovierung, die Strassen und Plätze. Vielleicht auch was vom Marketinggag „Schweizer Schokokekspackung“. Mit edler Schweizer Schokolade ummantelte zarte Schweizer Kekse, edel verpackt und mit einem kleinen Poster des Schweizer-Ortseingangsschilds verziert und somit mit bleibendem Erinnerungswert. Der Handel schaffte es allerdings nicht, die etwas übertriebenen Mengen zu vermarkten. Es ist aber be-kannt, dass vielen Oldtimerfahrern die feinen Kekse auf der Zunge zergingen. Der Autor hatte seiner-zeit immer wieder Oldtimertreffen in Bad Bertrich organisiert, so trafen sich im Laufe des Sommer-märchenjahres auch 17 Oldtimerclubs in Bad Bertrich, ausserdem rollte in 2006 die bedeutendste Oldtimerrallye die „2000 km durch Deutschland“ (entlang der 9 deutschen Rennstrecken), vom Nürburgring kommend, durch Bad Bertrich, alle Teilnehmer kamen in den Genuss der WM-Kekse, Viele werden das besondere Leckerli wohl noch heute auf der Zunge, auf der es zerging, spüren. Und natürlich das Uessbachtalstadion, dessen Rasen leider kein Wembleyrasen mehr ist. Leider realisier-ten sich die seinerzeit avisierten Trainingslager des FC Köln, von Schalke 04 und Eintracht Frankfurt nicht. Die Eintracht hatte zwar mal gebucht, aber storniert, weil der Weg zwischen Hotel und Trai-ningsplatz zu weit war. Die Schweizer Nati hat diese Strecke übrigens oft im Trainingslauf überbrückt, so ergab sich der heute noch vom Eifelverein promotete Köbi-Kuhn-Weg.
Auch wenn das Interesse von Damen-Bundesligamannschaften wohl noch besteht, Neuenahrs, Leverkusens und Hoffenheims Mannschaften waren bereits im Bertricher Trainingslager, mit
Wembleyrasen könnte es hier eventuell auch weitergehen!?
Autor: Willi Bussmann
